Wenn Wertschätzung auf Preisleistung trifft

Wenn Wertschätzung auf Preisleistung trifft

„Heutzutage kennen die Leute vor allem den Preis und nicht den Wert“ schrieb Oscar Wilde in seinem Werk: Das Bildnis des Dorian Gray und der Gedanke sind heutzutage immer noch präsent. 

Stell dir eine wertvolle Handlung vor: du möchtest Wissen über bestimmte Themen an Kinder und Jugendliche schenken, nicht indem du sie belehrst, sondern  indem du sie ermutigst, ihre eigenen Gedanken zu fassen, damit Wörter wie  Selbstbestimmung, Mitgestaltung und Wertschätzung an Bedeutung gewinnen können.    

Und dann wird dir die Frage gestellt: Welchen Preis soll diese Tätigkeit haben?

Was würdest du antworten? Diese Einschätzung erweist sich als schwer, denn es geht hier um die Entwicklung von Ideen und Wünschen und diese haben eine wertvolle emotionale Bedeutung. Es ist schwer, diese Gefühle in Geld umzurechnen. Trotzdem werde ich regelmäßig danach gefragt, wie viel unser Bildungsangebot denn kostet und wie wir unsere Arbeit eigentlich bezahlen. 

Auch wenn Schulen in Deutschland größtenteils staatlich finanziert werden –oder vielleicht gerade deshalb-, spielen Preise im Bildungssektor stets eine große Rolle. Aber sollte Bildung nicht eigentlich preislos sein? Hat sie nicht ihren eigenen Wert, der gar nicht in Geld umzurechnen ist?

Damit du diese Ideen besser nachvollziehen kannst, möchte ich dir eine persönliche Geschichte erzählen.

Als 10-Jähriger habe ich ungewollt die Bedeutung von Leistung und Wertschätzung kennengelernt  und das war in Lima, der Hauptstadt von Peru.

Lima liegt nicht hoch, wie viele glauben, sondern liegt an der Küste und ist gleichzeitig eine Wüstenstadt. Überall findet man eine dünne  Sandschicht. Das ist ein Ärgernis für alle Haushalte, die täglich in ihrem Haus kehren müssen.

Eines Tages lief ich an einem Haus vorbei, das seit Tagen nicht gekehrt worden war und auf dem Boden gab es eine dicke  Staubschicht. Als ich das sah, verwandelten meine kindlichen Finger sich in einen Pinsel und ich zeichnete einen lächelnden Smiley. Plötzlich rief laut eine Person, sie war die Hausherrin: „Nicht weggehen!“ Ich mit meinen 10 Jahren war erschrocken und blieb stehen.  Als die Frau zu mir kam, fragte sie mich, ob ich mir ein bisschen Geld verdienen wolle.

Bis zu dieser Zeit hatte ich kein eigenes Geld besessen und die Idee selbst war für mich sehr verführerisch. Ich antwortete mit einem  „Ja“. Ich nahm das Angebot an und gleichzeitig meine erste Tätigkeit, das Kehren. Die Frau gab mir einen Besen und zeigte mir, was ich saubermachen sollte, den Hof, die Garage, den Flur, das Wohnzimmer und vor der Haustür.

Während meiner Arbeit sah ich mir das Haus an, es war sehr schön und mit so vielen teuren Gegenständen geschmückt. In meiner Phantasie spekulierte ich schon, was ich mir alles mit dem Geld kaufen werde.

Vielleicht neue Schuhe oder einen Fußball? Als ich fertig wurde, war ich sehr aufgeregt, ich gab den Besen an die Frau zurück und hoffnungsvoll wartete ich auf mein ersten hartverdienten Lohn, während die Frau den Boden sehr kritisch  betrachtete und letztendlich meine Arbeit bewertete. Sie machte ihr Portmonee auf, ich sah so viele Geldscheine, die andeuteten, dass mindestens einer mir gehören könnte, aber nein, sie nahm aus der Tasche 10 peruanischen Cents und sagte zu mir: „Kauf dir ein Bonbon, das hast du dir fleißig verdient.“ Ein Bonbon!

Ich war sprachlos und konnte nicht begreifen, warum meine Zeit und Arbeit so wenig wert waren.

Monate vergingen und ich sah auf der Straße eine alte Dame, die mühevoll vor ihrer Haustür kehrte. Die Situation war wie ein Déjà-Vu. Nur in diesem Fall bot ich freiwillig dieser alten Dame meine Hilfe an. Sie nahm sie dankend an und während ich die Straße vor ihrer Haustür kehrte, erzählte sie mir über ihr Leben. Als ich fertig war, sagte sie zu mir: „Warte kurz!“ Sie ging ins Haus und brachte mir ein Sandwich mit einem selbstgemachten Maracujasaft. In diesem Moment hatte sich für mich mein Einsatz mehr als gelohnt, mein Magen und mein Herz waren glücklich wegen dieser Wertschätzung. Und als ich gehen wollte, gab sie mir sogar einen Geldschein  von 10 Soles, das ist 100-mal mehr als mein erster Lohn. Sie sagte mit einem unvergesslichen Lächeln: „Du bist es wert.“

Innerhalb weniger Monate hatte ich als Kind zwei unterschiedliche Erkenntnisse gewonnen: Ich habe gelernt, dass der Preis von etwas nicht zwingend den wahren Wert widerspiegelt  und dass Menschen, die Erfahrung und ein liebendes Herz besitzen, den wahren Wert von etwas besser erkennen können.

Welchen Preis hat jetzt also Bildung? Oder hat sie gar keinen Preis, sondern nur einen Wert? Meiner Meinung nach, kann man Bildung keinen Geldwert zurechnen, denn die eigentliche Wertschöpfung geschieht in den Gedanken und Herzen der Kinder, die daraus etwas lernen.

Fernando Andia

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